Reviews » Games
Review: Dantes Inferno

Einmal Hölle und zurück
Dieses Jahr ist ein gutes Jahr für Freunde des Hack-n-Slay-Genres auf der Spielkonsole. Die Wartezeit auf „God of War III“ verkürzen Spiele wie Darksiders oder Dante's Inferno. Letzteres gibt sich aber nicht mit der Rolle eines Lückenfüllers zufrieden, sondern ist der Grundstein für ein neues Franchise. (Testplattform: PS3)
Dante Alighieries „Göttliche Komödie“ (Divina Commedia) zählt zu den großen Werken der Weltliteratur und stand für „Dante's Inferno“ Pate. Sie schildert eine Reise durch drei Stufen der jenseitigen Welt, von der Hölle (Inferno) über das Fegefeuer bis hin zum himmlischen Paradies. Das Spiel ist im ersten Abschnitt angesiedelt, der Hölle. Diese ist ihrerseits in neun Kreise geliedert, jeder für eine eigene Sünde, ehe man das Zentrum erreicht. An diesen unwirtlichen Ort verschlägt es Dante, frisch vom dritten Kreuzzug des 12. Jahrhunderts zurückgekehrt. Da er sich während des Kriegs nicht gerade mit Ruhm bekleckert und seine geliebte Frau Beatrice wider seines Schwurs betrogen hat, muss er, hinterrücks erdolcht, durch die Hölle, um sich seinen Sünden zu stellen und dabei verschiedene Prüfungen zu absolvieren. Nur so kann er Beatrice aus den Fängen Luzifers befreien und sein eigenes Seelenheil retten. Wie die literarische Vorlage ist auch das Spiel nicht am Ende, wenn Dante sich in der Hölle unter Beweis stellte. Ein „Fortsetzung folgt“ macht zum Spielende unmissverständlich klar: Dante's Inferno ist erst der erste Streich.
Gameplay
Frisch in der Hölle angekommen, ist Dantes erste Tat, dem Tod die Sense zu stibitzen. So gerüstet kann er sich den zahlreichen Monstern stellen, die den neuen Gast nicht so einfach wieder ziehen lassen wollen.
In infernalischen Bildern animierter Comic-Sequenzen zeigt sich das Offenkundige: Dante hätte besser nicht den Pfad der Tugend verlassen sollen.
Neben der Sense kann Dante auch auf ein gesegnetes Kreuz zurückgreifen, dessen magische Strahlen er seinen Feinden entgegenschleudert und damit bevorzugt geflügelte Kreaturen aus der Luft pflückt.
Die Steuerung gleicht wie das gesamte Spielprinzip dem Genre-Klassiker „God of War“ frappierend. Wie für ein Hack-n-Slay-Spiel üblich, gilt das Augenmerk den verschiedenen Hieben und Kontern, die über die PlayStation-Tasten ausgelöst und im Lauf des Spiels um mächtigere Angriffe aufgestockt werden. Dazu sammelt Dante unterwegs die Seelen jener armseligen Kreaturen ein, die ihn auf dem Wegesrand um Vergebung anflehen. Im Stil eines „inFamous“ kann sich Dante für die gute oder die böse Seite entscheiden, indem er die in der Hölle gefangenen Seelen erlöst oder bestraft. Für beide Aktionen sammelt er Punkte (Seelen), die entweder seine Sense oder sein Kreuz stärken. Im Gegensatz zu „inFamous“ darf Dante allerdings die gute und böse Seite zugleich ausbauen, was ihn zu einem ambivalenten und letztlich sehr mächtigen Höllenreisenden macht. Um die gute und böse Seite maximal auszubauen, bedarf es allerdings eines zweiten Spieldurchgangs, der mit den gewonnenen Eigenschaften begonnen werden darf.
Furchteinflößende Monster wollen Dante ans Leder. Das obere Ungetüm kann er selbst reiten, wenn er den Steuermann erledigt. Unten muss sich Dante aus dem Schlund des Höllenwurms befreien.
Neben Sense und seinem Kreuz ist Dantes dritte Angriffsvariante Magie, die er im Verlauf des Spiels von besiegten Gegnern erlernt und damit besonders mächtige Schläge ausführen kann, solange sein Manavorrat gefüllt ist. Mana und Gesundheit regeneriert Dante, indem er unterwegs – wie aus „God of War“ bekannt – Kisten öffnet. Ebenfalls eng an „God of War“ angelehnt ist die fest montierte Kameraperspektive. Sie lässt sich mit dem rechten Analogstick nicht ändern. Stattdessen vollführt Dante rasche Ausweichmannöver, wenn man besagten Stick bewegt. Um Gegnern den Rest zu geben, muss der Spieler immer wieder im richtigen Moment die passende Taste drücken (Quick-Time-Action), was zu den klassischen Konsolentugenden gehört, aber auch eine gute Beherrschung des Controllers voraussetzt.
In gewisser Weise mit dem Flugritt auf dem Pegasus aus God of War II angelehnt ist die Möglichkeit, in Dante's Inferno immer mal wieder große Viecher zähmen zu können und sich ihrer zu bedienen, um größere oder stärkere Gegnerwellen abzuwehren. Stampfend, feuerspuckend stellt man sich ihnen in den Weg. Es ist sogar möglich, auf dem Rücken so eines Ungetüms über Wände zu klettern.
Für Abwechslung während der 6-8-stündigen Reise durch die Hölle sorgen weniger die gar nicht so vielen verschiedenen Gegner, sondern vielmehr die zahlreichen Boss-Kämpfe, die durchweg gelungen sind. Jeder „Boss“ hat seine eigene Schwäche, die erstmal zu finden ist. Viele sind ausgesprochen mächtig und atemberaubend groß in ihrer Statur.
Immer wieder müssen größere Passagen mit diversen Seilen erklommen werden. Auch die Sense kann Dante nutzen, um sich an bestimmten Stellen einzuhaken (o.). Die Ästhetik von Dante's Inferno wird seinem Namen durchweg gerecht (u.).
Zwischen den Kämpfen muss sich Dante immer wieder mit Sprungeinlagen und Kletterpartien seinen Weg durch den streng linearen Handlungsverlauf bahnen. Auch hier zeigt sich die spirituelle Verwandtschaft zu „God of War“: So mancher Kletterabschnitt ist frustrierend; Fehler führen dazu, die gesamte Passage wiederholen zu müssen. Hinzu kommen zeitkritische Rätsel, die in der Summe in Dante's Inferno häufiger anzutreffen sind als in den ersten beiden „God of War“ Folgen. Gespeichert wird an vorgesehenen Speicherpunkten an den Beatrice-Statuen.
Online und Multiplayer
Im Lieferzustand ist Dante's Inferno ein reines Solospiel. Ein koopfähiger Multiplayer-Modus soll zu einem späteren Zeitpunkt als Download-Content folgen.
Grafik
Dante's Inferno zeichnet in der kleinen HD-Auflösung 720p schauerlich-apokalyptische Bilder nach. Die düstere Umgebung wird von satten Rot-, Gelb- und Orangetönen durchbrochen und prägt im Zusammenspiel mit der Soundkulisse die abstoßende Grundatmosphäre einer Hölle, die nicht zum Verweilen einlädt. Gefangene Seelen sind aufgetürmt und greifen mit ihren Armen nach Dante, der sie als Kletterhilfe missbraucht, Dampf steigt aus den roten Fluten empor und immer wieder begegnet der Spieler atemberaubend großen Statuen sowie fantastisch umgesetzten Boss-Gegnern.
Für die vielen verschiedenen Boss-Kämpfe gibt es nur einen Begriff: imposant.
Als Erwachsenenspiel ausgelegt, geizt Dante's Inferno auch nicht mit sexuellen Anspielungen, die immerhin teilweise in die Spielhandlung einbezogen werden. So krabbeln aus den Brustwarzen der übermenschgroßen Kleopatra kleine, sensenschwingende Ungetüme, die sie Dante vor die Füße wirft. Derlei explizite Darstellung ist besonders für den prüden amerikanischen Markt ein großes Wagnis. Andererseits ist Prüderie wohl das Letzte, das man in der Hölle erwarten würde...
Die optische Präsentation ist insgesamt gut. Eine diabolische Stimmung wird von der Umgebung überzeugend vermittelt, die Detailauflösung der Figuren und Bosse ist gelungen. Etwas staksig sind mitunter die Bewegungen, besonders wenn Dante am Wegesrand nicht weiter kommt und gleichwohl weiterläuft, als gäbe es das Hindernis nicht. Diese Form der genretypischen Animation wirkt mittlerweile im Vergleich mit Spielen vom Schlage eines Uncharted 2 oder Assassin's Creed II etwas überholt.
Das Spiel ist frei von Framerateeinbrüchen oder Tearing. Als eines der wenigen Spiele auf dem Markt mit einer konstanten Ausgabe von 60 fps spielt es sich ungemein flüssig. Sehr gelungen ist außerdem die nahtlose Verschmelzung zwischen Spielgeschehen und den Zwischensequenzen, die mal aus Spielgrafik, mal aus vorgerenderten Szenen bestehen. Die Qualität der Filmeinspielungen ist gut.
Musik und Sound
Der Ton des Spiels liegt grundsätzlich in Dolby Digital 5.1 vor. Das überrascht insoweit etwas, weil die Demo in der Standardkonfiguration mit DTS 5.1 vorlag. Wer DTS dem Tonformat Dolby Digital gegenüber den Vorzug gibt, kann aufatmen, denn auch im fertigen Spiel sind beide Systeme abrufbar. Leider fehlt ein Menüpunkt, um zwischen ihnen zu wählen, aber ein Eingriff in das PS3-Audiomenü und die Deaktivierung von Dolby Digital beschert die Tonausgabe mit DTS.
Die Musik untermalt die düstere Stimmung des Spiels. Sie hat ein dunkleres Charakteristikum als der etwas pathetischere Soundtrack von „God of War“. Unterstrichen wird die geradezu beklemmende Atmosphäre von dem endlosen Kreischen jener verdammten Seelen, die um Erlösung flehen. Um den Spieler herum legt sich diese Soundkulisse mit einem räumlichen Grundteppich, der bisweilen von Hall durchbrochen wird. Auch die Dialoge machen von der Räumlichkeit Gebrauch und werden meist passend zur Kameraposition auf den entsprechenden Effektkanälen abgebildet. Leider ist die Zuordnung zum Schluss etwas durcheinander gekommen, so dass die letzten Spieldialoge zumindest in der deutschen Sprachausgabe etwas nach links verrutscht wirken.
Dantes Stimme wirkt in der deutschen Version etwas belegt. Die Widersprüchlichkeit seines Charakters, gezeichnet von Krieg, Verbrechen, Stolz und Verrat wird in dieser Sprachfassung zu passiv interpretiert und wirkt damit etwas ausdrucksschwach, blass. Dem stehen einige pointiert gesprochene Widersacher gegenüber, die authentischer wirken. Insgesamt setzt die deutsche Synchronisation zwar keine Maßstäbe, ist aber insgesamt zufriedenstellend.
Technisches und Trophäen
Bis zur ersten Spielhandlung vergehen aus dem Hauptmenü auf dem Testsystem 82 Sekunden (Bootzeit). Beim ersten Spielstart wird bei bestehender Onlineverbindung ein 21 MByte großes Update auf Version 1.01 heruntergeladen und installiert. Die Ladezeiten während des Spiels laufen durchweg im Hintergrund, so dass theoretisch ein Spiel von Anfang bis Ende ganz ohne störende Unterbrechnung möglich wäre – ausgezeichnet! Im Gegensatz zu Uncharted 2 gelingt dies bei Dante's Inferno sogar, ohne fortwährend Daten auf die Festplatte auszulagern oder lautstark auf das Laufwerk zuzugreifen. Hier haben die Entwickler gute Arbeit geleistet. Schade nur, dass die Spielstände kopiergeschützt sind.
Sehr schön: Bevor man eine neue Fertigkeit „kauft“, sieht man eine Vorschau (o.). Wer Platin haben will, sollte aufpassen, auf dem Weg kein Sammelobjekt zu übersehen (u.). Es gibt leider keine Kapitelauswahl, über die im Nachhinein einmal verpasste Objekte nachträglich gesucht werden können.
Bedauerlich ist zudem, dass das Spiel nach dem Abschluss keine Kapitelauswahl vorsieht. Da es auch einige Sammelaufgaben für diverse Trophäen gibt, genügt also ein übersehenes Objekt, um das gesamte Spiel neu beginnen zu müssen. Ansonsten sind die 43 Trophäen schon deshalb machbar, weil sie nicht an einen Schwierigkeitsgrad gebunden sind. Es gibt keine besonders anspruchsvollen Trophäen, auch wenn es ohne Hilfsmittel vielleicht nicht ganz einfach ist, alle Sammelobjekte zu finden. Platin setzt mindestens zwei Durchgänge voraus, um seine guten und bösen Fertigkeiten maximal auszubauen.
Fazit
Dante's Inferno ist ein gelungenes Hack-n-Slay-Spiel, das neuen Schwung in das von God of War besetzte Genre setzt und mit seinem offenen Ende ein weiteres Franchise einläutet, an dem sich die Konkurrenz künftig messen muss. Das Spiel überzeugt mit seiner butterweichen Framerate, einer gelungenen Atmosphäre und den abwechslungsreichen Boss-Fights.
Wer an „God of War“ seine Freude hat, kann bedenkenlos bei Dante's Inferno zugreifen und wird nicht enttäuscht. Durch den gut dosierbaren Schwierigkeitsgrad ist das Spiel auch einsteigerfreundlich, auch wenn manche zeitkritische Aufgabe oder Kletterpassage Frustpotential birgt. Schade nur, dass der vielversprechende Online-Koop-Modus nicht zum Lieferumfang gehört.
[jf]
Diesen Artikel als PDF herunterladen:
Erstveröffentlichung: 08.02.2010
angehängte Dateien: Dantes Inferno.pdf
Tags: -
Verwandte Artikel:
Letzte Änderung des Artikels: 2010-03-10 12:18
Verfasser des Artikels: Sunny
Revision: 1.1
Kommentieren nicht möglich